Read Nach dem Sturz by Reinhold Andert Online

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Title : Nach dem Sturz
Author :
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ISBN : 393254580X
ISBN13 : 978-3932545801
Format Type : Hardback
Language : Deutsch
Publisher : Faber Faber 2001
Number of Pages : 167 Pages
File Size : 692 KB
Status : Available For Download
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Nach dem Sturz Reviews

  • Cats friend Karlheinz
    2019-12-23 16:52

    Der Titel untertreibt, denn was der Autor höchst realistisch berichtet, geht sogar sehr weit über die Geschichte des entmachteten ehemaligen SED-Chefs und Staatsratsvorsitzenden der DDR hinaus und zeichnet ein plastisches Bild der Zeit in der DDR sowohl lange vor als auch lange nach dem Sturz Honeckers.Der Zufall wollte es, daß der Autor die Tochter Sonja der Honeckers - schon vor der sogenannten "Wende" in Mitteldeutschland - persönlich kannte. Sie wohnte unprivilegiert unter normalen Leuten in einem ostberliner Neubauviertel. Als ehrlicher, dem vermeintlichen Fortschritt in der DDR zugetaner Bürger engagierte sich Andert in diversen gesellschaftlichen Aktivitäten, bevor er, einem Parteibonzen unbequem geworden, mit 10 Jahren Berufsverbot und Arbeitslosigkeit abgestraft wurde.Dergleichen Lebenserfahrung schärft ungemein den Blick für ungeschminkte DDR-Wirklichkeit. Gerade dieser außerordentliche Scharfblick und sein exzellentes Urteilsvermögen zeichnen den Autor des vorliegenden Buches aus.Sonja, geb. Honecker, stellte nach der "Wende" den von ihm gar nicht angestrebten Kontakt des Autors zum gestürzten Honecker her, und in der Folge entstand aus vielen Gesprächen eine Materialsammlung, die wie kaum eine zweite dem Leser vordem strengst geheim gewesene Tatsachen und politische Zusammenhänge enthüllt, von denen er sonst nie Kenntnis erhalten würde. Allerdings gerät Anderts Bild des entmachteten Honecker etwas zu sympathisch, und es ist diesbezüglich dem Leser eine gesunde Portion Skepsis dringend anzuraten. Es darf nicht außer acht bleiben, daß Honecker sich über Jahrzehnte immer als eiskalter Hardliner hervorgetan hat, sowohl als politischer Ziehsohn Ulbrichts als auch nach der Entmachtung seines Mäzens. Und er blieb eiskalter Stalinist, stur, unbelehrbar, menschenverachtend und selbstkritikunfähig bis zum Schluß. Nicht uninteressant im Sinne von "cherchez la femme" ist auch der scharfmacherische Einfluß der Frau an seiner Seite, Margot geb. Feist, einer glühenden Schwärmerin für Stalin, auf E. Honecker. Ihr unbezähmbarer Haß auf den Reformer Gorbatschow dürfte nicht unwesentlich zu Honeckers starrsinniger Antipathie gegenüber Glasnost und Perestroika beigetragen haben. Aufschlußreich für ihre Gewissenlosigkeit, die selbst Erich über die Hutschnur ging, ist ihr Versuch,sich Anderts Buchmanuskripts egoistisch zu bemächtigen und es (anläßlich zeitweiligen Überlassens zur Autorisierung der Interviews )zu unterschlagen. Dieser Versuch scheiterte zum Glück!Aufschlußreich ist, wie Andert etliche der lange unnahbar allmächtigen Greise der einstigen Wandlitzer Gerontokratie charakterisiert, auch, welche "Leichen im Keller" sie hatten. Und während jahrzehntelang der Öffentlichkeit vorgegaukelt worden war,das Politbüro -oberstes Machtgremium der SED- sei eine einvernehmliche verschworene Gemeinschaft, stellte sich heraus, wie zutiefst heuchlerisch und charakterlos es in Wahrheit zuging und wie schäbig nach seiner Entmachtung selbst die noch kurz zuvor servilsten Speichellecker seiner "Genossen" Honecker wie einen Aussätzigen behandelten, keines Grußes, geschweige denn eines Gespräches mehr wert. Das muß man gelesen haben. Ungeschminkt mußte ans Licht kommen, Existenzen von welch unfaßbarer Unterdurchschnittlichkeit über Jahrzehnte unkontrollierte Macht über Millionen Menschen innehatten,ihr Land zugrunderichteten und den Sozialismusbegriff durch schamlose Perversion zuschanden machten.Unter diesem Aspekt erscheint Reinhold Anderts Buch als ein sehr gelungener Beitrag zur neueren deutschen Zeitgeschichte und ist überaus aufschlußreich und spannend .

  • F., Holger
    2020-01-04 16:30

    Das leicht zu lesende Buch stellt aus der Sicht des Autors den Anteil Erich Honeckers am Zerfall der DDR dar. Die Aussagen basieren auf Gesprächen, die der Autor mit E. Honecker "Nach dem Sturz" geführt hat. Dabei wird deutlich, dass die "Schuld" nicht allein E. Honecker zufällt.In Episodenform wird das Verhältnis Honeckers zu den Polibüromitglieder, zur Sowjetunion, zu Gorbatschow, zu Ulbricht, zu Wandlitz ... beschrieben und auf den Einfluss Honecker umgebender Personen und Kräfte hingewiesen.Für jeden, der die Zeit der DDR und das Wirken Honeckers interpretieren will, ist dieses Buch eine wertvolle Hilfe.

  • Amazon Customer
    2019-12-29 13:58

    Nachdem ich das 1990 von Reinhold Andert und Wolfgang Herzberg im Aufbau-Verlag Berlin herausgegebene Buch "Der Sturz. Honecker im Kreuzverhör" mit großem Interesse gelesen hatte, war ich sehr gespannt auf die Fortsetzung "Nach dem Sturz. Gespräche mit Erich Honecker. Aufgezeichnet von Reinhold Andert" (Verlag Faber & Faber Leipzig 2001, mit einem Bildteil).Und meine positive Erwartung wurde nicht enttäuscht.Der Autor gibt in Zusammenfassungen von Gesprächen mit dem letzten Staatsoberhaupt der DDR in intimer Atmosphäre wieder, wie Honecker sich als heimatloser Privatmann in seinen letzten Jahren zu Fragen aus der Geschichte der DDR sowie zu deren Ende und der Zeit danach geäußert hat. Diese Aussagen bettet Andert ein in eigene Erinnerungen, Reflexionen und Tatsachenberichte, so daß ein abgerundetes Bild von einer ganzen Epoche und vom Scheitern eines gesellschaftspolitischen Jahrhundertversuchs entsteht. Die Art, wie er das tut, läßt sein ehrliches Bemühen erkennen, möglichst frei zu bleiben von erkenntnisbehindernden Vorurteilen. Er führt lediglich Sachverhalte vor Augen, das Bewerten überläßt er weitgehend dem Leser. Diese Autorenhaltung finde ich besonders bemerkenswert, da sie bei der Darstellung der DDR und ihrer Repräsentanten leider nicht häufig zu finden ist; die meisten Arbeiten, die seit 1990 zu diesem Thema veröffentlicht wurden, sind mehr oder weniger von einer – politisch bedingten - Voreingenommenheit der Autoren geprägt und kranken demzufolge an einer einseitigen und mit der historischen Wahrheit sehr großzügig umgehenden Betrachtungsweise.Reinhold Andert, Jahrgang 1944, vor allem bekannt als Liedermacher, der später aus der SED ausgeschlossen worden war, kennt die Vorzüge und die Schwächen des DDR-Sozialismus aus eigener Erfahrung, und er vermag sie in der Rückschau objektiv zu sehen. Er nennt Unrecht Unrecht (soweit es auch damals schon Unrecht war!), aber er verabsolutiert es nicht, wie es sonst das gedankenlose Reden vom "Unrechtsstaat" bis heute immer wieder tut. In der einfühlsam-subtilen Sprache eines verantwortungsbewußten Menschen, der mit dem Wort souverän umzugehen weiß, legt er tiefere Ursachen und Zusammenhänge frei, die sich bei allzu vereinfachender Sicht nicht erschließen lassen.Andert ist sich offensichtlich der Tatsache bewußt, daß es zwei völlig verschiedene Dinge sind, eine Sache zu verstehen und sie zu billigen. Er beschönigt nichts, aber er unterliegt auch an keiner Stelle der Gefahr einer Pauschalverurteilung, die nicht nach den Quellen für bestimmte Fehlentwicklungen fragt. So erklärt er beispielsweise, durch welche historisch, politisch und psychosozial nachvollziehbaren Gründe die "Abschottung" der Mitglieder des Politbüros in Wandlitz ursprünglich zustande gekommen war und weshalb sie auch später noch ohne Not beibehalten worden ist. Trotzdem aber sieht er dieses verhängnisvolle Phänomen durchaus mit dem nötigen kritischen Abstand. Er beschreibt detailliert das Leben in dieser Siedlung und schildert sehr differenziert das unterschiedliche Verhalten einzelner Politbüromitglieder sowie ihren Umgang miteinander und mit dem Dienstpersonal, und er enthält sich dabei jeglicher plumper Verallgemeinerungen. Nirgendwo ist auch nur der leiseste Anflug zu spüren von Sensationshascherei und Enthüllungs-Journalismus.Es werden solche Themen berührt wie- das Politbüro der SED und seine Mitglieder,- die Beziehung zwischen Honecker und Mielke,- das gestörte Verhältnis Honeckers zur sowjetischen Parteiführung von Anfang an,- seine Sehnsucht nach der Einheit Deutschlands in einer antiimperialistischen Welt,- Honeckers persönliche Verarbeitung der Ereignisse nach seinem Rücktritt,- die Rolle Margot Honeckers in der Politik und im Leben ihres Mannes,- die Periode der Hetze und Verleumdung gegen die politischen Verantwortungsträger 1989/90 und die heute inzwischen differenziertere Wertung durch die ehemaligen DDR-Bürger,- die politischen, ökonomischen und psychologischen Folgen der Angliederung des Gebietes der ehemaligen DDR an das alte Bundesgebiet für die Menschen in den neuen Bundesländern.Wir erfahren aus Anderts Buch etwas über charakterschwache Persönlichkeiten, die ihre hohe Position kaltschnäuzig zum eigenen Vorteil ausgenutzt haben; aber wir lesen auch von der Tragik jener alten und jungen Kader in der SED-Führung, die immer einfach und bescheiden geblieben sind und die subjektiv überzeugt waren, mit ihrem Einsatz dem Sozialismus und dem Volk zu dienen, ohne wirklich erkennen zu können, daß sie ihm objektiv Schaden zufügten.Und wir erfahren auch, daß Erich Honecker vor allen minutiösen Berichten an das Ministerium für Staatssicherheit über Mängel und Unzulänglichkeiten des DDR-Alltags, über die Versorgungsengpässe und die Rechtsbrüche durch Behörden, die Behinderung der Demokratie und die maßlose geheimdienstliche Überwachung von Bürgern und über die wachsende Unzufriedenheit der Menschen stets konsequent und sicher abgeschirmt wurde. Und weil tatsächlich nichts von den wirklichen Stimmungen in großen Teilen der Bevölkerung bis zu Honecker hatte vordringen dürfen und können, glaubt Andert – zurecht, wie ich meine - dem ehemals mächtigsten Mann im Staate auch, wenn dieser sagt, daß ihn die "Gorbi, Gorbi!"-Rufe der FDJ am 7. Oktober 1989 zutiefst erschüttertet hätten.Ein seitenlanges Zitat aus einer anderen Veröffentlichung hätte ich mir etwas kürzer und an seiner Stelle eigene Aussagen des Verfassers gewünscht. Aber die hohe Brisanz des Zitierten hat mich dann doch auch wieder mit seiner Länge ein wenig versöhnt.Im Unterschied zu anderen in letzter Zeit erschienenen tendenziösen bis diskriminierenden Honecker-Biographien und DDR-Geschichtsdarstellungen halte ich Reinhold Anderts Buch für einen ehrlichen und gelungenen Beitrag zu dem Bemühen, die Menschen in Ost und West mit ihren unterschiedlichen Lebensläufen durch ein besseres Verständnis dafür, was die DDR für die Mehrheit ihrer Bürger wirklich war und weshalb sie scheitern mußte, näher zusammenzuführen.Diese über zweihundert Seiten haben mich gefesselt, und ich möchte ihre Lektüre jedem Deutschen in West und Ost sehr empfehlen!