Read Wissenschaft, Religion und Recht: Hans Albert zum 85. Geburtstag by Eric Hilgendorf Online

wissenschaft-religion-und-recht-hans-albert-zum-85-geburtstag

Hans Albert ist der Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus und einer der einflussreichsten Wissenschaftslehrer im deutschen Sprachraum Seine interdisziplin r angelegten Arbeiten besch ftigen sich mit den Grundlagen der Sozialwissenschaften und der Bedeutung kritisch rationalen Denkens f r die sozialwissenschaftliche Theorie und Praxis Der vorliegende Band enth lt Texte f hrender Vertreter aus Philosophie, Soziologie, Religionswissenschaft und Jurisprudenz, die sich mit den Positionen Alberts im Kontext ihres eigenen Fachgebiets besch ftigen....

Title : Wissenschaft, Religion und Recht: Hans Albert zum 85. Geburtstag
Author :
Rating :
ISBN : 3832510990
ISBN13 : 978-3832510992
Format Type : Hardback
Language : Deutsch
Publisher : Logos Berlin 28 Juli 2006
Number of Pages : 517 Seiten
File Size : 763 KB
Status : Available For Download
Last checked : 21 Minutes ago!

Wissenschaft, Religion und Recht: Hans Albert zum 85. Geburtstag Reviews

  • Dr. Horst Wolfgang Boger
    2020-01-28 04:13

    Die Neue Zürcher Zeitung vom 20. Februar 1986 hat Hans Albert als "Rationalliberalen" bezeichnet. Tatsächlich hat der in diesem Band Geehrte stets entschieden irrationale Strömungen bekämpft und hat dabei die Fahne des Liberalismus niemals aus der Hand gelegt.Albert wurde am 8. Februar 1921 in Köln geboren und hatte von 1963 bis 1989 einen Lehrstuhl für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Universität Mannheim inne. Er hat Karl Raimund Poppers "Kritischen Rationalismus" nicht nur im deutschen Sprachraum bekannt gemacht, sondern ihn auch wesentlich weiterentwickelt und modifiziert.Wollte oder müsste man sein Denken auf zwei Sätze reduzieren, kämen wohl diese aus seinem "Traktat über kritische Vernunft" in Frage: "Alle Sicherheiten in der Erkenntnis sind selbstfabriziert und damit für die Erfassung der Wirklichkeit wertlos. Das heißt: Wir können uns stets Gewißheit verschaffen, indem wir irgendwelche Bestandteile unserer Überzeugungen durch Dogmatisierungen gegen jede mögliche Kritik immunisieren und sie damit gegen das Risiko des Scheiterns absichern."Der vorliegende Band behandelt die Themen "Philosophie der Sozialwissenschaften", "Religionskritik", "Praktische Philosophie" und "Rechtstheorie", Themen, zu denen Albert in fünf Jahrzehnten hochkarätige Beiträge geleistet hat.Aus jedem dieser Themenblöcke möchte ich jeweils einen Beitrag kurz vorstellen. Das dies den anderen Beiträgen Unrecht antut, ist mir schmerzlich bewusst.Zenonas Norkus (Lehrstuhlinhaber für Soziologie der Universität Vilnius, Lithauen) stellt kritische Betrachtungen zu "Sozialwissenschaftliche[n] Erklärungen 'durch Mechanismen'" an. Jede Person, die sich im Werk von Jon Elster etwas auskennt, weiß, dass Elster meint, er habe eine bisher noch nicht bekannte Art der Erklärung gefunden, nämlich Erklärungen durch Mechanismen. Betrachten wir Weisheiten der folk psychology wie etwa "Gegensätze ziehen sich an" und "Gleich und gleich gesellt sich gern". Die erste Weisheit wird durch die zweite sogleich konterkariert. Oder ein Beispiel aus der Ökonomik: Der Anstieg des Grenzsteuersatzes kann Akteure dazu veranlassen, weniger zu arbeiten, er kann aber ebenso dazu führen, dass die Akteure mehr arbeiten. Elsters Frage nach Mechanismen möchte nun herausfinden, welche Mechanismen tatsächlich unter welchen Bedingungen wirksam sind. Allerdings gelingt es Elster in der Sicht des Verfassers nicht, die differentia specifica zwischen Erklärung durch Mechanismen einerseits und Erklärung durch Gesetzeshypothesen und Antecedensbedingungen andererseits befriedigend herauszuarbeiten. - Norkus' sehr gedankenreicher, literaturgestützter und sorgfältig argumentierender Beitrag leidet etwas darunter, dass er ohne jede Ausnahme den Vornamen des Kognitionspsychologen und Nobelpreisträgers (für Ökonomik!) Daniel Kahneman in "David" ändert. Das hat Kahneman nicht verdient.Nach dem Zusammenhang von "Hoffnung, Homöopathie und Hochreligion" fragt Hartmut Kliemt (Professor für Praktische Philosophie an der Universität Duisburg). Bekanntlich spielen bei fast allen therapeutischen Eingriffen Placebo-Effekte eine Rolle. Die Wirkungen von Klangschalen- und Wünschelrutentherapie bestehen vermutlich nur in solchen Effekten, ähnliches dürfte für die Homöopathie gelten. Placebo-Effekte sind aber keineswegs fiktiv, sondern real. Die dabei obwaltenden Mechanismen sind noch nicht vollständig aufgeklärt, eine erhebliche Rolle spielen dabei Glaube und Hoffnung. Damit ist die Brücke geschlagen zu den Religionen, einschließlich der Hochreligionen. Man lese etwa Psalm 116, 9, in dem die Gläubige Gott für die Rettung aus der Todesgefahr dankt. ("placebo Domino in regione vivorum") Selbstverständlich glaubt die Gläubige dies; ob es tatsächlich der Fall war, wird sie in aller Regel nicht streng wissenschaftlich untersuchen wollen. Religiöser Glaube hat nämlich einen zirkulären Charakter, indem er die Zeugnisse, die zu seinen Gunsten sprechen, stets selbst produziert. - In einer freiheitlichen Ordnung dürfen wir auf diese distanzierte und distanzierende Weise über religiösen Glauben denken und sprechen. Ebenso dürfen Gläubige Wissenschaft kritisieren. Wir bedürfen eines "institutionellen Rahmens und damit letztlich nicht der Philosophie, sondern der Politik und des Handelns." Dieser institutionelle Rahmen ist von Denkern des Liberalismus, zum Beispiel von John Stuart Mill, konstruiert worden.Herbert Keuth (Professor a. D. für Wissenschaftstheorie der Universität Tübingen) untersucht das Verhältnis von "Kritische[m] Rationalismus und Ethik". Kritischer Rationalismus ist - vereinfacht gesagt - die Philosophie, die von der prinzipiellen Fehlbarkeit allen Strebens ausgeht und die Wichtigkeit der Kritik für Erkenntnisbemühungen und Entscheidungen betont. Was kann eine solche Phi-losophie zur Ethik beitragen? Dass Menschen der Moral bedürfen, ist wohl unbestritten. Aber bedürfen sie auch der Ethik, also der Moralphilosophie? Analog gefragt: Sind Künstler auf Kunstphilosophie, Ingenieure auf Technikphilosophie und Wissenschaftler auf Wissenschaftsphilosophie angewiesen? Und respektlos gefragt: Bedürfen Vögel der Ornithologie, um leben und ihre Eier ausbrüten zu können? Keuth stellt diese Fragen nicht explizit, aber er beantwortet sie doch, wenn auch wiederum nicht explizit. Seine Antwort ist wohl die, dass wir - sofern wir nicht wie Ethikprofessoren von der Ethik leben - noch niemals einer Ethik bedurft haben. Wir können bestenfalls versuchen, Irrtümer zu vermeiden. Wer meint, ausschließlich durch Raub seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, wird spätestens dann Schiffbruch erleiden, wenn hinreichend viele andere das Nämliche meinen und entsprechend handeln. Zu dieser fundamentalen Einsicht brauchen wir jedoch keine Ethik, Vernunft und Klugheit reichen völlig aus.Eric Hilgendorf (Lehrstuhlinhaber für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtstheorie, Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Universität Würzburg) stellt in seinem Beitrag "Religion, Recht und Staat - Überlegungen zur Notwendigkeit einer Zähmung der Religionen durch das Recht" an. Der Verfasser stellt einerseits eine prinzipielle religiöse Neutralität der deutschen Rechtsordnung fest, konstatiert andererseits aber drei Privilegien der beiden christlichen Großkirchen gegenüber anderen Religionsgemeinschaften: Erstens wird an staatlichen Schulen der meisten Bundesländer Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach erteilt, dessen Kosten aus Steuermitteln gedeckt werden. Damit eng zusammenhängend bestehen theologische Lehrstühle an Universitäten. Zweitens erheben die beiden christlichen Großkirchen unter Zuhilfenahme der staatlichen Finanzverwaltung Kirchensteuern. Drittens sind die beiden christlichen Großkirchen im Sozialwesen privilegiert insofern, als die beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonisches Werk, die zusammen ca. 700.000 Personen beschäftigen, einerseits zum größten Teil aus nichtkirchlichen Steuermitteln finanziert werden, andererseits aber nur zum Teil dem staatlichen Arbeitsrecht unterliegen, so dass der Kündigungsschutz in diesen Einrichtungen, der christlichen Nächstenliebe zu Hohn und Trotz, wesentlich schlechter ist als in anderen Arbeitsverhältnissen. Die deutsche Gesellschaftsordnung ist daher de facto nach wie vor großkirchenchristlich geprägt, obschon die Zahl der eingeschriebenen deutschen Christen in den letzten 15 Jahren um ca. 5 Millionen gesunken ist. Der Verfasser tritt ausdrücklich für das Recht aller Nichtreligiösen ein, nicht mit aufdringlichen religiösen Symbolen und Ritualen konfrontiert zu werden: "Ein religiös überfüllter Raum, in dem das christliche Glockengeläute mit dem Ruf des Muezzin, tibetanischen Gebetsmühlen, evangelikalem Zungenreden und dem Schreien ekstatischer Derwische konkurriert, dürfte in niemandes Interesse liegen." "[D]ie Zähmung des Staates und der Religion - anders ausgedrückt, die der politschen und der religiösen Herrschaft -, gehört zusammen", so hatte Hans Albert in seiner kleinen Schrift "Freiheit und Ordnung" von 1986 vorgetragen. Hilgendorf stimmt dieser These gerade auch aus rechtswissenschaftlicher Sicht zu.Der Band hat bei allen unbestreitbaren Verdiensten auch einen unübersehbaren Mangel: Hans Alberts Kritik der neoklassischen Entscheidungslogik mit ihrem "Modellplatonismus" und ihrer systematischen Blindheit gegenüber kognitiven, motivationalen und institutionellen Gegebenheiten wird so gut wie kein Raum gegeben. Akzeptable Gründe dafür kann ich nicht sehen, zumal ein Sammelband mit Alberts einschlägigen Schriften, nämlich "Marktsoziologie und Entscheidungslogik - Ökonomische Probleme in soziologischer Perspektive", vor einigen Jahren neu aufgelegt worden ist.