Read Gesichter des Antisemitismus: Von den Anfängen bis heute by Walter Laqueur Online

gesichter-des-antisemitismus-von-den-anfngen-bis-heute

Ist Antisemitismus ein Produkt des Christentums, oder gab es ihn bereits in vorchristlichen Zeiten Besteht ein Zusammenhang zwischen dem religi sen Antisemitismus des Mittelalters und dem rassistischen der Neuzeit Was hat Antisemitismus mit Antizionismus zu tun Was ist Antisemitismus berhaupt, seit wann wird er wahrgenommen, seit wann erforscht Walter Laqueur, als langj hriger Direktor der ber hmten Wiener Library in London einer der besten Kenner des Themas, nimmt in einem gro en historischen Essay die verschiedenen Formen und Auspr gungen des Antisemitismus von der Antike bis heute in den Blick Dabei spannt er den Bogen vom religi sen Antijudaismus der Anf nge bis zum rassisch begr ndeten Judenhass des 19 Jahrhunderts, der in die Katastrophe des Holocaust m ndete Eindringlich zeigt er, in welchem Ma e Antisemitismus noch heute verbreitet ist, nicht nur im nah stlich arabischen Raum, sondern auch in Europa Die j ngsten Kapitel dieser unheilvollen Geschichte sind antij dische Verschw rungstheorien im Gefolge von 9 11 und neue B ndnisse zwischen Rechtsextremen aller Welt und radikalen Islamisten....

Title : Gesichter des Antisemitismus: Von den Anfängen bis heute
Author :
Rating :
ISBN : 3549073364
ISBN13 : 978-3549073360
Format Type : Kindle Edition
Language : Deutsch
Publisher : Propyl en Verlag 8 Februar 2008
Number of Pages : 401 Pages
File Size : 986 KB
Status : Available For Download
Last checked : 21 Minutes ago!

Gesichter des Antisemitismus: Von den Anfängen bis heute Reviews

  • Wolfgang Gonsch
    2020-02-02 03:45

    Das Spektrum dieses eindrucksvollen historischen Essays reicht vom vormodernen über den rassistischen bis hin zum neuen Antisemitismus. Walter Laqueur, selbst Betroffener, kam 1921 zur Welt und emigrierte 1938 nach Palästina. Einseitige Erklärung für den Antisemitismus lehnt der Autor gleich zu Beginn kategorisch ab; er kommt zu dem Ergebnis, dass in verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten unterschiedliche Faktoren im Spiel waren: religiöse, soziale, ökonomische oder demographische.Das Dritte Reich, mit seiner systematischen Vernichtung der Juden bildet selbstverständlich den größten Einschnitt in der Geschichte des Judenhasses. Die Wannsee-Konferenz, mit Heydrichs Notiz zur Endlösung" sollte im unvorstellbaren Genozid von fast sechs Millionen systematisch ermordeter Juden aus ganz Europa enden.Doch hier endet das Buch nicht: Walter Laqueur führt auch Belege für offen antisemitische Tendenzen im Stalinismus an. Unter dem Deckmantel Kritik am Zionismus" erfolgte die Diffamierung der Juden im sowjetischen Machtbereich während des gesamten Kalten Krieges, was ebenfalls teilweise für die Neue Linke im Westen gilt. Laqueur erinnert auch daran, dass Kritik an Israel nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen sei, alte und neue Gefahren jedoch von radikal-islamischen und -arabischen Antisemiten ausgehen, die die Existenzberechtigung des Staates Israel verneinen.Diese knapp 250seitige Darstellung fasst die Erkenntnisse der Forschung sehr überzeugend zusammen und nötigt einem großen Respekt ab. Bemerkenswert finde ich außerdem, mit welcher Gelehrsamkeit sich der Autor in den Dienst des Lesers stellt, wie er trotz seiner im Leben gemachten schlechten Erfahrungen klar differenziert, jedoch nicht anklagt, nichts beschönigt und vor allem nicht weg schaut!

  • Mario Pf.
    2020-02-02 07:51

    "Wie kann man den Antisemitismus erklären?", fragt Walter Laqueur seine Leser bereits mit dem ersten Satz seines Werks und stellt damit jene essenzielle Frage, die "Gesichter des Antisemitismus" zugrunde liegt. Wenn man einige Sekunden in sich geht, um eigene Antworten auf diese Frage zu finden, wird man schnell bemerken, dass es nicht so einfach ist den Begriff an sich zu definieren, Laqueur führt deshalb weiter aus: "Er hat zwar eine sehr lange Geschichte, aber aufgeschrieben wurde sie erst im letzten Jahrhundert. Es gibt keinen Thukydides oder Plutarch des Antisemitismus; keiner der großen Historiker und Soziologen der Vergangenheit hat sich intensiv mit ihm beschäftigt. Die Anstrengungen, ihn zu analysieren und zu interpretieren, sind sogar noch jüngeren Datums. Sie wurden zumeist erst nach dem Zweiten Weltkrieg und der Katastrophe, von der das europäische Judentum heimgesucht wurde, unternommen. Viele Fragen sind offen geblieben, und manche von ihnen werden wohl auch auf absehbare Zeit unbeantwortet bleiben - etwa ob es vor der Entstehung des Christentums einen Antisemitismus gab, ob es sich bei der damaligen Ablehnung der Juden nicht lediglich um 'normale Xenophobie' handelte und ob der Antisemitismus, wie manche meinen, nicht bis zum Frühchristentum, sondern nur bis Spätmittelalter zurückreicht. Dies wiederum wirft die Frage auf, ob und in welchem Ausmaß es eine Kontinuität gab zwischen dem traditionellen religiösen Antijudaismus, der bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts vorherrschte, und dem rassistischen Antisemitismus, der ihm nachfolgte und zum Massenmord während des Zweiten Weltkriegs führte. Damit im Zusammenhang steht die Debatte darüber, ob und in welchem Ausmaß der heutige Antisemitismus in demjenigen der Vergangenheit wurzelt. Manche meinen, der neue Antisemitismus sei hauptsächlich auf die Existenz und Politik Israels zurückzuführen, andere sehen ihn als Bestandteil des Antiamerikanismus, Protest gegen die Globalisierung und anderen gegenwärtigen Einstellungen und Bewegungen."Antisemitismus schlicht und einfach als "Judenhass" zu übersetzen ist schnell getan und würde Laqueurs Einstiegsfrage allerdings nicht beantworten, denn zunächst sehe man sich gezwungen festzulegen wer und was da gehasst, ein Angehöriger des jüdischen Glaubens oder eine Ethnie? Anfang des 20. Jahrhunderts galt der Antisemitismus als "Sozialismus der dummen Kerls" und vor allem im deutschen Sprachraum entwickelte sich aus dem früher klerikalen Antisemitismus, der seinen Opfern meist noch die Möglichkeit der Konvertierung oder Assimilation bot, zusammen mit dem völkischen Gedankengut ein rassistischer Antisemitismus, der nun auch Halb- und Vierteljuden kannte - die Konfession stand nicht mehr im Zentrum und es war den Vordenkern und Fußsoldaten des Holocausts ohnehin egal ob man sich für oder gegen den Zionismus als jüdischen Nationalismus aussprach. Heute bekennen sich bezeichnenderweise selbst überzeugte Antisemiten aus der rechten Szene nicht mehr zum Antisemitismus und bestreiten dies oft genug vehement, während sich neben arabisch-nationalistisch und islamistisch-fundamentalistischen Gruppen auch immer mehr Linke zu einem Antizionismus bekennen, dessen Zorn auf Israel immer wieder auch in Hass auf das israelische Volk umschlägt.Der moderne Antisemitismus ist alles andere als neu, auch wenn er sich im Schlepptau von Globalisierungskritik und US-Kritik für manchen vielleicht einen frischen Anstrich gibt. Das Problem ist, wie Laqueur konstatiert, dass sich die meisten Kritiker schlicht ihren latenten Antisemitismus nicht eingestehen wollen oder aufgrund ihrer politischen Überzeugung, können. Die Problematik kristallisiert sich am Beispiel Israels (Seite 26) "Wurde Juden früher vorgeworfen, wurzellose Kosmopoliten und Internationalisten zu sein, so werden sie heute als typische Vertreter eines anachronistischen, reaktionären Nationalismus dargestellt, der aufgrund des engen Bündnisses zwischen Israel und den USA doppelt verabscheuungswürdig ist. In den dreißiger Jahren war in den Straßen Europas häufig das Schlagwort 'Juden, geht nach Palästina' zu hören. Sechzig Jahre später fordert man: 'Juden raus aus Palästina'"Ein islamischer Charakter des Auflebens von Antisemitismus ist nicht zu verschweigen, es sind nur andere Klerikale die ihn jetzt bemühen und den Untergang von Staat und Volk Israels propagieren, eine sehr feindliche Umgebung, in der es mit der Gründung eines souveränen und lebensfähigen palästinensischen Staates zumindest möglich ist, den Fundamentalisten Wind aus den Segeln zu nehmen (S. 31): "Doch sobald sie einen eigenen Staat haben, werden die Alltagsprobleme in den Vordergrund treten, und ein großer Teil ihrer Energie wird in den Aufbau dieses Staats fließen. Der Wunsch nach Rückeroberung des Verlorenen wird nicht verschinden, aber man wird ihn nicht mehr mit demselben Eifer verfolgen wie in der Zeit, als er das einzige Anliegen war." Auch das autokratische Umfeld Israels trägt nicht unbedingt zur Stabilisierung der Lage in der Region bei, wenn Hisbollah und Hamas immer wieder zur Waffe greifen. Spricht man Israel sein Existenzrecht ab, verweigert man sich des Gedankens dass künftigen Pogromen auch links der Mitte Stehende zum Opfer fallen würden. "Der Antizionismus der radikalen Linken ist postrassistisch, speist sich vor allem aus dem Antiamerikanismus und der Ablehnung der amerikanischen Unterstützung Israels und zählt nicht wenige Juden zu seinen Sprechern und Anhängern." (S. 29-30) Wie es den Nazis egal war, ob sich ihre Opfer als Deutsche oder Juden verstanden, spielt es in den Augen vieler Antisemiten heute ebenfalls kaum eine Rolle ob einer Antizionist ist oder nicht, nur dass er Israeli ist zählt und stempelt ihn automatisch zur persona non grata."Doch der Kontinuitätsbruch zwischen vormodernem Antijudaismus und modernem Antisemitismus sollte aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht überbetont werden. Rassistischen Antisemitismus findet man (beispielsweise in Spanien) schon Jahrhunderte vor seiner Verbreitung in Mitteleuropa. Ferner waren die politischen und ideologischen Elemente, die das Gesicht des modernen säkularen Antisemitismus in Deutschland und Österreich bestimmten, keineswegs typisch für den im 19. und 20. Jahrhundert in Russland und Polen verbreiteten Antisemitismus." (Seite 14) Antisemitismus ist nicht gleich Antisemitismus, auch regionale Unterschiede sind von Bedeutung. Der Mythos, dass sich aus dem von Klerikern geschürten Zorn auf die Juden als Christusmörder, erst im 19. Jahrhundert und vor allem kurz vor dem 1. Weltkrieg der ethnische Judenhass entwickelt hat, ist allerdings nicht korrekt, wie sich leicht beweisen lässt. Als Folge der spanischen Reconquista und Inquisition entwickelte sich im Spanien des 15. Jahrhunderts bereits eine Lehre vom reinen Blute (limpieza de sangre), dessen Opfer neben Juden auch die verbliebenen Mauren und Muslime Spaniens wurden.Wie Noam Chomsky behaupten viele Intellektuelle heutzutage Antisemitismus wäre kein Problem mehr und zum Teil haben sie auch recht, denn er wird durch eine gestiegene Islamophobie weit weniger wahrgenommen, fast schon anachronistisch wirken entsprechende Graffitis auf Hauswänden, wenn sich nur noch diverse alternde Journalisten nostalgisch auf längst aus ihren Ämtern geschiedene jüdische Politiker der Sozialdemokraten einschießen.Etwas frühzeitig. De facto hat sich wenig geändert, hinter Hasspredigten gegen Zuwanderer und Moscheen verstecken sich immer noch dieselben alten Ressentiments und wandeln in Einzelfällen sogar wie Horst Mahler vom linksradikalen Lager der RAF zur NPD. "Es ist unsinnig zu behaupten, dass es keinen Antisemitismus mehr gäbe, nur weil er in seiner spezifischen rassistischen Spielart heute im Westen viel weniger in Erscheinung tritt. Es hat Antisemitismus viele Jahrhunderte vor Hitler gegeben, vor Erscheinen der modernen Rassenlehre, und es gibt ihn auch heute, nach Hitler." (Seite 232) sagt dazu der Autor.Bestürzt könnte man sagen Walter Laqueur verhält sich alles andere als politisch korrekt, denn er spricht sehr offen unangenehme Probleme an und verteidigt den regionalen Underdog Israel in seinem Existenzrecht. So ist das Buch eindeutig sicher nicht für jedermann geeignet und könnte massive Proteste als Bekundung anderer Realitäten aufrufen, aber es ist besser das Dogma einer moralisch einwandfreien und weltverbessernden Linken zu brechen, als es aufrecht zu erhalten und somit noch mehr Angriffsfläche zu bieten. Objektivität und eine andere Sichtweise können schmerzen, wenn sie mit der tiefsten persönlichen Überzeugung nicht übereinstimmen, aber auf einwandfreien Fakten beruhen. Für sein Werk hat Walter Laqueur den aktuellen Forschungsstand zusammengefasst und eine historische sowie aktuelle Analyse des Antisemitismus vorgelegt.Fazit:Ein faszinierendes Buch von hohem Anspruch, dessen komplexe Aussagen indes nicht jedem Leser gefallen dürften, bricht er doch gewisse Tabus und Dogmen. Umso interessanter wird das Buch deshalb für Leser die an einer möglichst objektiven Sicht interessiert sind, die schlicht gesagt Israel vor antisemitischen Untergriffen in Schutz nimmt.[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]